Im Kreis seiner Förderer (von links): Dr. Karsten Anger (Geschäftsführer F&E, Hadi-Plast) und Michael Lumperda (IHK) freuen sich mit Balla Toure (Mitte), dass die Vermittlungsarbeit von Sibylle Petry (gpdm) so gut geklappt hat und Ralf Dirks (Geschäftsführer Hadi-Plast) einen Ausbildungsplatz für den Mann aus Mali zur Verfügung stellen konnte. (Fotos: Wortart, Almut Thöring)

Langer, aber erfolgreicher Weg

Balla Toure beginnt Ausbildung bei Hadi-Plast

Text und Fotos:  Wortart, Almut Thöring M.A.

Hövelhof. Geschafft: Nach einem sechsmonatigen Praktikum bei der Hadi-Plast GmbH Kunststoff-Verarbeitung in Hövelhof hat Balla Toure dort nun seine Ausbildung als Maschinen- und Anlagenführer für Kunststofftechnik begonnen. Ein langer, beschwerlicher Weg liegt hinter dem 27-jährigen Malier, der bei dem auf die Herstellung technischer Präzisions-Spritzgussteile spezialisierten Unternehmen vollen Einsatz zeigt. Aufmerksam bewegt sich Balla Toure zwischen den Maschinen und vor allem zwischen seinen neuen Kollegen, mit denen er sich bereits ganz gut unterhalten kann. Für ihn ist das ein völlig anderes Umfeld als 2012, als er seiner damals von Islamisten besetzten Heimatstadt Gao entfloh.

Vormittags absolviert Toure in Paderborn seinen Sprachkurs, der noch bis Ende August dauern wird. Nachmittags beginnt bei Hadi-Plast in Hövelhof für ihn seine Arbeit als Auszubildender in der Spätschicht. Hinzu wird, wie bei allen Auszubildenden, noch der Unterricht in der Berufsschule kommen, die für Toures Ausbildung in der Kunststoffbranche in Lemgo angesiedelt ist. Sein Wille, das zu schaffen, beeindruckt. Auch Dr. Karsten Anger, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung: „Balla Toure zieht ein unglaubliches Programm durch. Dem gebührt unser aller Respekt.“ Anger, der sonst mit internationalen Studierenden der regionalen Hoch- und Fachhochschulen zusammenarbeitet, ist begeistert vom persönlichen Einsatz des neuen Schützlings aus Afrika.

Den Kontakt zwischen der Hadi-Plast GmbH und dem Mann, der zwar seit 2014 in Deutschland lebt, dessen Asylantrag aber immer noch nicht bearbeitet ist, kam durch Sibylle Petry zustande. Sie vermittelt für die Gesellschaft für Projektierungs- und Dienstleistungsmanagement mbH (gpdm) zwischen Flüchtlingen, Ehrenamtlichen der Flüchtlingshilfe, der Arbeitsagentur mit ihrem für Flüchtlinge und Asylbewerber eingerichteten Integration Point sowie der Ausländerbehörde. Bezahlt wird ihre Tätigkeit über das IvAF-Projekt „alpha OWL II“ (Integration von Asylsuchenden und Flüchtlingen). Das Angebot wird durch den Europäischen Sozialfonds sowie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. „Über Ehrenamtliche habe ich erfahren, dass Balla Toure als zuverlässiger Mann eine Perspektive sucht. So kam der Kontakt zustande“, sagt Petry.

Balla Toure zeigt Sibylle Petry auf dem Globus die Strecke seiner Reise. Von Gao über Malis Hauptstadt Bamako bis nach Deutschland dauerte sie zwei Jahre. (Fotos: Wortart, Almut Thöring)
Balla Toure zeigt Sibylle Petry auf dem Globus die Strecke seiner Reise. Von Gao über Malis Hauptstadt Bamako bis nach Deutschland dauerte sie zwei Jahre. (Fotos: Wortart, Almut Thöring)

So lang wie die Arbeitstitel der beteiligten Organisationen, so langwierig scheint der Weg für Betroffene zu sein. Denn ein Flüchtling oder Asylbewerber kann nicht einfach in einem Betrieb „ein Praktikum“ absolvieren; auch dafür gibt es strikte Regeln, die vom Mindestlohn über die Sprachkenntnisse fest definiert sind. Ralf Dirks, Geschäftsführer der Hadi-Plast GmbH: „Ohne die Unterstützung seitens Frau Petry hätten wir Balla Toure ab dem 1. Juni 2016 sicherlich keinen Ausbildungsplatz anbieten können. Ein mittelständisches Unternehmen kann einfach kein Personalbüro für solche Einzelfälle einrichten. Da sind spezielle Kenntnisse und Kontakte nötig, und der behördliche Aufwand, den sie übernommen hat, ist enorm.“ Das bestätigt auch Michael Lumperda von der IHK, der um die Probleme für Unternehmen weiß, die Flüchtlingen wie Asylbewerbern gerne einen Ausbildungsplatz anbieten würden. „Wir arbeiten daran, dass diese Zielgruppe über eine spezielle Einstiegsqualifizierung eine geregelte Vorausbildung erhält, die definierte Ausbildungsinhalte mit Sprach- und Integrationsmodulen verbindet“, sagt Lumperda. Dafür hat die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld für 2016 insgesamt 100.000 Euro bereit gestellt. „Das ist ein guter Anfang“, wertet Dirks, der mit der schnellen, unbürokratischen Zusammenarbeit mit der IHK sehr zufrieden ist.

Dem Kunststoffspritzguss-Unternehmen wird auch jetzt noch einiges abgefordert. „Wer vernünftig lernen will, muss vernünftig wohnen“, begründet Dirks die Entscheidung, Balla Toure den Sprachkurs zu ermöglichen und bei der Suche nach einer bezahlbaren kleinen Wohnung zu helfen, damit er nicht in der Flüchtlingsunterkunft wohnen muss. Von hier aus kann er dann seinen neuen Wohnort und die neue Heimat erschließen, in aller Ruhe lernen, aber auch ausruhen. Das ist nötig, denn Balla Toure büffelt samstags auch noch eine Stunde Mathe bei Gertrud Grönert, einer ehrenamtlichen Kraft in Hövelhof. Mit ihrer Hilfe will er den Anschluss in der Berufsschule schaffen. In Gao, seiner Heimatstadt in Mali, hat er elf Jahre lang die Schule besucht. Das ist lange her. Der Mann, der zwei Jahre für seine Flucht von Goa über Malis Hauptstadt Bamako, das Nachbarland Mauretanien, Marokko, Spanien und Frankreich bis nach Deutschland gebraucht hat, ist aber sehr zuversichtlich. Mit fünf anderen Männern hat er per Ruderboot die Kontinente an der engsten Stelle im Mittelmeer gewechselt. Damals haben ihn und seine Begleiter Mitarbeiter des Roten Kreuzes aus den Fluten gerettet. Heute sind es, neben seinem festen Willen, es selbst zu schaffen, über ein Netzwerk verbundene engagierte Menschen und Unternehmer, die anderen eine Chance geben, sich hier mit eigener Kraft zu integrieren.

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Unternehmen, die Flüchtlingen oder Asylsuchenden einen Ausbildungsplatz anbieten können, können sich bei der IHK wenden an:

Attila Sepsi
Berufliche Bildung
Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld
Elsa-Brändström-Str. 1 – 3, 33602 Bielefeld
Tel: 0521 554-163
E-Mail: a.sepsi@ostwestfalen.ihk.de

Flüchtlinge und Asylsuchende, die einen Praktikums- oder Ausbildungsplatz oder einen qualifizierten Arbeitsplatz suchen, können sich, wie ehrenamtliche Flüchtlingshelfer auch, außerdem direkt an  Sibylle Petry wenden:

Sibylle Petry
gpdm mbH
Breslauer Str. 31, 33098 Paderborn
Projekt alpha OWL II
Tel: 05251 7760-15
E-Mail: spetry@gpdm.de