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Lehrjahre sind Herrenjahre

Lehrjahre sind Herrenjahre

Konnten die Firmen vor zehn Jahren noch aus dem Vollen schöpfen, müssen sie heute um den Nachwuchs kämpfen. Doppelte Abiturjahrgänge und das Ende der Wehrpflicht dämpfen die Folgen der Demographie. Doch die harten Zeiten kommen noch.

Es klingt komfortabel, was Thomas Müller über sein Unternehmen zu berichten hat. Eins zu zehn sei der Faktor bei ihnen, sagt der Werksleiter von Liebherr-MCCtec, der Rostocker Niederlassung des Baumaschinenherstellers. Was er meint ist: Auf einen freien Ausbildungsplatz kommen zehn Bewerber. 43 Plätze wollen sie dieses Jahr besetzen, 38 junge Leute haben sie schon eingestellt. „Wir sind guter Dinge, dass wir auch die restlichen noch besetzen können“, sagt Müller. Doch obwohl der Rostocker Standort, an dem maritime Krane gebaut werden, noch die Wahl hat – Müller erlebt dennoch, dass sich der Ausbildungsmarkt verändert hat. Liebherr, sagt er, sei das Zugpferd in der Region, ein bekannter Name, ein mit mehr als 1000 Mitarbeitern großes Unternehmen.

Deshalb gebe es nach wie vor viele Bewerber. Kleine Betriebe aber können zunehmend nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzen. Auch Liebherr dürfe sich nicht ausruhen. „Von allein geht gar nichts“, sagt er. Auf Berufsmessen seien sie stets dabei, ebenso beim Jugendlager des Technischen Hilfswerks oder Tagen der offenen Tür. „Unsere Ausbilder gehen auch in die Schulen und stellen die verschiedenen Berufsbilder vor.“

 


Jung, aber versiert: Industriemechaniker bei der Arbeit                                       © dpa

 

In diesen Tagen bekommen die Schulabgänger überall in Deutschland ihre Zeugnisse. Je nach Bundesland können sie etwas früher oder etwas später in den Sommer starten, der für sie ein Übergang sein wird von Pausenhof und Matheunterricht zu Mensa und Hörsaal – oder Betrieb und Berufsschule. Auf alle, die sich für eine Ausbildung entschieden haben, wartet am anderen Ende der Ferien ein deutlich bequemerer Markt als noch vor wenigen Jahren. Während damals der Lehrstellenmangel ein politischer Dauerbrenner war, spielt nun die gegenteilige Debatte die Hauptrolle: Die Firmen fürchten, dass ihnen der Nachwuchs ausgeht.

Drei Monate vor Beginn des neuen Ausbildungsjahrs gibt es rein rechnerisch zwar immer noch mehr Bewerber als offene Stellen. Der Abstand ist jedoch im Vergleich zu den Vorjahren enorm geschrumpft. Zum einen, weil die Zahl der Ausbildungswilligen leicht um 8600 auf rund 473.000 gesunken ist. Vor allem aber, weil die Unternehmen schon mehr als 444.000 Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt haben. Das sind 40.000 mehr als vor einem Jahr. Zwar will sich die Bundesagentur für Arbeit noch nicht dazu hinreißen lassen, eine echte Wende am Ausbildungsmarkt auszurufen. „Es kann sich dabei um Vorzieheffekte handeln“, sagt Vorstandsmitglied Raimund Becker. Arbeitgeber könnten im Wissen um die Verknappung ihre Stellen einfach früher melden. Abgerechnet werde erst zum Schluss, sagte Becker, also am 30. September.

Die Demographie wird voll durchschlagen

Gleichwohl wissen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung längst, wohin der Trend geht. „Es zeichnet sich ab, dass viele Ausbildungsplätze in diesem Jahr nicht besetzt werden können“, warnt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) schon jetzt. Denn die rechnerische Lücke, die sich aus den unversorgten Bewerbern und den offenen Stellen ergibt, lag im Juni bei unter 15.000. Vor einem Jahr waren es noch mehr als 50.000 gewesen. „Gleichzeitig gibt es einen gegenläufigen Effekt“, sagt Arbeitsverwalter Becker. Denn durch die verkürzte Schulzeit und die doppelten Abiturjahrgänge, kurz G8, strömen in diesem Jahr in Bayern und Niedersachsen einmalig mehr junge Leute aus den Schulen. Auch in den kommenden beiden Jahren wird dieses Phänomen zumindest die Arbeitsmärkte in Baden-Württemberg (2012) und Niedersachsen (2013) noch entlasten.

 

Doch danach schlägt die Demographie voll durch – vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, in denen nach der Wende ein dramatischer Geburtenrückgang mit weitreichenden Konsequenzen stattfand. Allein in Sachsen-Anhalt mussten zwischen 1991 und 2008 35 Prozent aller Grundschulen geschlossen werden. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Schulabgänger in den ostdeutschen Bundesländern halbiert. Nun machen sich die schwachen Kohorten am Ausbildungsmarkt bemerkbar. In Thüringen gibt es heute schon weniger Bewerber als Stellen.

DIHK schlägt regelmäßig Alarm

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schlägt regelmäßig Alarm angesichts der Entwicklung. „Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von IHK-Bezirken, die in ihren Lehrstellenbörsen noch über 1000 unbesetzte Ausbildungsplätze melden“, sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Darunter seien Stuttgart, Hannover, Berlin, Hamburg, Dresden oder Erfurt. Wer einen Ausbildungsplatz in einem besonders beliebten Beruf sucht, dem rät Driftmann zum Blick gen Osten. Dort seien die Chancen hoch, freie Plätze im Traumberuf zu finden.

Der Rückgang der Bewerberzahlen wird nach Ansicht des DIHK weder durch den doppelten Abiturjahrgang noch durch das Aussetzen der Wehrpflicht seit dem 1. Juli kompensiert. Die Zahl der Abgänger aus den Haupt- und Realschulen sinke auch dieses Jahr um 3,5 Prozent, sagt Driftmann. Aus diesem Reservoir aber rekrutieren die Betriebe die meisten Nachwuchskräfte. Verschärft werde die Situation durch den Aufschwung und das Bestreben der Betriebe, sich heute die Fachkräfte für morgen zu sichern. Das führt auch im Westen zu Engpässen. 2010 wurden 65 Prozent der freien Ausbildungsplätze in den alten Bundesländern angeboten; dieses Jahr sind es schon knapp 70 Prozent. „Die Unternehmen versuchen immer früher im Jahr, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt Driftmann. Viele blickten bereits auf das Ausbildungsjahr 2012. Zum ersten Mal seien in den Lehrstellenbörsen der Industrie- und Handelskammern schon jetzt mehr als 10.000 Ausbildungsplätze für 2012 gemeldet. „Ich befürchte, dass in diesem Jahr mehr als 55.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben werden, sagt Driftmann.“

 

Bäcker und Metzger stehen nicht mehr hoch im Kurs

Schwierigkeiten hat auch das Handwerk. Vor allem traditionelle Ausbildungsberufe wie Bäcker und Metzger stehen nicht mehr hoch im Kurs. Für Hightech-Qualifikationen wiederum stehen immer weniger geeignete Kandidaten zur Verfügung. Wer Mechatroniker oder Kälteanlagenbauer werden will, muss ein Grundverständnis für Mathematik und Naturwissenschaften und ordentliche Schulnoten mitbringen. „Die Besetzung der Lehrstellen wird immer schwieriger“, sagt Handwerkspräsident Otto Kentzler, „aber wir halten dagegen.“ Der Verband hat eine teure Imagekampagne gestartet, mit einigem Erfolg, wie es heißt. Dennoch wäre man schon zufrieden, wenn wie im Vorjahr rund 156 000 Lehrverträge abgeschlossen würden. Nach Hochrechnungen blieben zuletzt 8000 Stellen unbesetzt. Mittlerweile suchen die Handwerkskammern ihr Glück schon im Ausland und werben um Tschechen und Polen. In Cottbus etwa machen derzeit zwei Dutzend polnische Kandidaten einen Vorbereitungskurs. Doch das Unterfangen ist mühsam. Sprachkenntnisse sind oft ebenso wenig vorhanden wie das Wissen um das duale System.

Ganz im Sinne der Bundesregierung

Wie sich die Zeiten geändert haben, zeigt sich in Ostwestfalen. Vor knapp zehn Jahren hat Marcus Kamann in Paderborn ein überbetriebliches Ausbildungsnetzwerk auf die Beine gestellt. Der Grund war, dass viele kleine Unternehmen zwar ausbilden wollten, aber weder personell noch von der Ausstattung her die nötigen Kapazitäten dazu hatten. Mittlerweile hat Kamann acht solcher Netzwerke in Nordrhein-Westfalen gegründet und das Geschäftsmodell sogar bis nach China exportiert. Die Aufgaben aber haben sich erheblich verändert. „Früher ging es hauptsächlich darum, Ausbildung zu organisieren“, sagt Kamann. „Heute gewinnt das Bewerbermarketing immer mehr an Bedeutung.“ Kamann und seine 40 Mitarbeiter gehen in Schulen und auf Messen, um den jungen Leuten die Ausbildung schmackhaft zu machen. „Jugendliche schauen immer, was ihre Freunde machen.“

Gewinne man einen für eine Lehrstelle, zögen meistens andere nach. Doch mit ein paar netten Worten und bunten Broschüren ist es heute nicht mehr getan. Mittlerweile sind „Events“ gefragt. Kamanns neueste Idee: Anschauungsunterricht im Fußballstadion. Dort werden Köche für das Catering ebenso gebraucht und Gartenlandschaftsbauer, um den Rasen für das nächste Heimspiel in Schuss zu halten. „Wir kriegen letztendlich noch immer genügend Bewerber“, sagt Kamann, „aber der Aufwand ist immens gestiegen.“

Angesichts der Lage wagen auch immer mehr Firmenchefs das früher Undenkbare: Sie nehmen Bewerber mit schlechten Noten. Frei nach dem handfesten Motto: „Den kriegen wir schon hin.“ Bis zum eigens organisierten Nachhilfeunterricht reichen die Bemühungen. Das ist ganz im Sinne der Bundesregierung. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU) feuern die Wirtschaft regelmäßig an bei deren Integrationsversuchen. Zwar gehören beide zu dem Regierungslager, das eine gelockerte Zuwanderung verlangt, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Gleichzeitig aber betonen sie, die Wirtschaft müsse auch das inländische Potential besser nutzen: Ältere, Frauen, Migranten – und Jugendliche, die man erst noch „hinkriegen“ muss.

 

2011-07-02 Frankfurter Allgemeine Zeitung | Text: Von Sven Astheimer und Henrike Roßbach, Bild: dpa